Wie lange sprach man in Noricum eine keltische Sprache?

Eine Antwort auf diese Frage könnten uns die iroschottischen Mönche geben, die im 6. und 8. Jahrhundert unserer Zeit Noricum zu christianisieren begannen. Als Iroschottische Mission bezeichnet man die Christianisierung West- und Mitteleuropas durch Wandermönche der Iroschottischen Kirche. Sie fand in zwei Wellen statt: die erste vom 6. bis 8. Jahrhundert, die zweite im 11. Jahrhundert.

Im keltischen Irland entstand im 3. bis 5. Jahrhundert unserer Zeit die iroschottische Kirche. Als iroschottische Kirche bezeichnet man das Christentum, wie es im 3. bis 5. Jahrhundert in Irland, auf der Isle of Man und in Schottland verbreitet war. Aufgrund ihrer Missionstätigkeit der iroschottischen Mönche spricht man auch von einer „iroschottischen Missionskirche“.

In Frankreich, Belgien, Luxemburg, Deutschland, Österreich und der Schweiz waren Lumieges, Péronne, Laon, Auxerne, Luxeuil, Lüttich, Echternach, Köln, Trier, Disibodenberg, Fulda, Amöneburg, Würzburg, Klingenmünster (Pfalz), Regensburg, Rheinau, Reichenau, Salzburg, Wien, St. Gallen, in Italien Bobbio, Friesolo und Lucca die wichtigsten Stätten der iroschottischen Mission.

Diese Mission der iro-schottischen Kirche geht, anhand der schriftlichen Quellen die uns aus dieser Zeit aus Irland vorliegen, nachweislich mit der keltischen Sprache einher, denn die Skoten (lat. Scot(t)i) waren ein keltischer Volksstamm der in Irland lebte. Im Lateinischen wurde Irland „Scotia maior“ genannt. Daher wurden diese Gemeinden als „iroschottisch“ bezeichnet.

Die westliche inselkeltische Gruppe, das Goidelische, besteht aus dem Altirischen und den drei davon abgeleiteten modernen Sprachen, dem Irischen, dem Schottisch-Gälischen (selten – nach dem Scots-Begriff Erse – als „Ersisch“ bezeichnet) sowie dem Manx. Die neuere Forschung setzt für das Altirische den Zeitraum zwischen etwa 600 und 900 unserer Zeit an.

Im Gegensatz zu Kontinentaleuropa, wo die keltische Kultur von den Römern von Süden her und von den Germanen von Norden her überschichtet worden war, hatte sich in Irland die keltische Kultur besser erhalten. Im Frühmittelalter entwickelte sich in Irland sogar eine eigene Literatur. In dieser Zeit (7. Jahrhundert unserer Zeit) begann auch die Verschriftlichung des Altirischen. Dies führte schließlich dazu, dass die irische Kultur nach der griechischen und lateinischen die bedeutendste Schriftkultur Europas wurde.

Wie bereits in einem anderen Artikel beschrieben, hieß das Gebiet in der Mitte des heutigen Österreich noch bis mindestens Anfang des 7. Jahrhunderts Noricum. Auch blieb in diesem Gebiet eine, wenn auch romanisierte, keltische Kultur erhalten. Doch auch noch einhundert Jahre danach (8. Jahrhundert unserer Zeit), muss man in diesem Gebiet noch vorwiegend keltisch gesprochen haben, denn anders hätten die Menschen hierzulande die iroschottischen Mönche gar nicht verstehen können, da diese ja nur eine keltische Sprache gesprochen haben. Latein sprachen die Missionare mit Sicherheit nicht, denn Irland, die Isle of Man und der Norden Schottlands waren nie ein Teil des römischen Reiches. Die iroschottische Missionierung von Noricum, muss also in einer keltischen Sprache vonstatten gegangen sein.

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