Wer ist ein Kelte – damals und heute

Betrachtet man die Aussagen einiger Wissenschaftler, dann sind nur diejenigen Menschen Kelten, die auch eine keltische Sprache sprechen. Dies gilt für die Sprachwissenschaftler für die Kelten der Antike, als auch für die Kelten von heute.

Die Kelten und die Sprachwissenschaft

Der Sprachwissenschaftler Prof. Stifter, Uni Wien, erklärte: “Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass keltisch primär und ursächlich ein Begriff der vergleichenden Sprachwissenschaft ist. Er stammt historisch aus diesem Fachgebiet, und nur in diesem Fachgebiet macht der Ausdruck völligen Sinn. Der Begriff ‘Keltisch’ bezeichnet eine spezifische Art von Sprache innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie, und soziolinguistisch betrachtet bezeichnet es einen Sprecher einer solchen Sprache.“

Kurz gesagt, aus sprachwissenschaftlicher und soziolinguistischer Sicht wären, damals sowie heute, nur diejenigen Menschen Kelten, die eine keltische Sprache sprechen. Diese wären heute zum Beispiel Irisch (Gaeilge), Schottisch-Gälisch (Gàidhlig), Manx (Gaelg) (im 20. Jahrhundert ausgestorben und bis zu einem gewissen Grad wiederbelebt) Walisisch (auch Kymrisch; Eigenbezeichnung Cymraeg), Bretonisch und Kornisch.

Sprache ist nicht das Einzige

Doch ist das wirklich so einfach? Wahrscheinlich nicht, war es in der Antike nicht und ist es heute auch nicht. Denn “Keltisch“ ist mehr als nur eine sprachliche Verwandtschaft. Neil MacGregor, Direktor des British Museum erklärte: “Eine ganz andere Weltsicht – Denn wie man heute weiß, gab es “die Kelten” als ein einheitliches Volk nicht. Stattdessen existierten in dem gewaltigen Gebiet zwischen Atlantik und Schwarzem Meer verschiedene Völker und Gemeinschaften, die eine ähnliche Sprache, Kunst und ähnliche Glaubenssätze besaßen. “Der Begriff keltisch verbindet eine ganze Reihe von Momenten in der Geschichte Westeuropas, in denen bestimmte Gemeinschaften Kunst und Objekte schufen, die eine andere Weltsicht als die mediterranen Kulturen reflektierten.”

Die keltische Kultur beinhaltete in der Antike neben der Sprache also auch Kunst, bestimmte Objekte, ähnliche Glaubenssätze und eine gewisse Weltsicht. Man kann diese Liste ergänzen mit einer neuen Waffentechnik, dem (Kunst)Handwerk, der Kunst allgemein, der Mode, den Schmuck, der Musik, der (geistigen) Weltanschauung, der Philosophie, der Spiritualität, der Mythologie, der Lebensweise, eine gewisse Art zu denken und die Welt zu sehen, sich selbst in der Welt bzw. in den Welten zu sehen, usw.

Zu “Keltisch“ gehört schlicht und einfach alles was eine Kultur ausmacht, also nicht nur die Sprache. Zweifelsfrei ist die Sprache natürlich ein starkes verbindendes Element und Bindeglied, doch es ist nicht das Einzige und auch nicht unbedingt das einzig bestimmende Element einer Kultur. Zudem kann man davon ausgehen, dass am Beginn der Keltisierungswelle in der Antike nicht gleich alle Menschen über Nacht eine keltische Sprache gesprochen haben, auch wenn die Menschen bereits viele andere Aspekte der keltischen Kultur übernommen bzw. angenommen haben. Man kann dies mit unserem heutigen westlichen Kulturkreis vergleichen. So haben wir innerhalb von Westeuropa und den USA (dem Westen) eine gleiche oder zumindest eine stark ähnliche Kultur, Lebensweise und Weltanschauung. Obwohl wir unterschiedliche Sprachen sprechen, selbst innerhalb von Europa. Wir sprechen hier also im allgemeinen vom westlichen Kulturkreis. In diesem Sinne dürfen wir auch von einem keltischen Kulturkreis sprechen, damals sowie heute.

Die keltischen Sprachen und Dialekte

Was die keltischen Sprachen angeht, sei angemerkt, dass es keine einheitliche keltische Sprache gegeben hat, sondern viele keltische Dialekte. Das bedeutet, dass sich Menschen die eine keltische Sprache gesprochen haben oder immer noch sprechen nicht automatisch miteinander sprechen konnten oder können. Denn ein Mensch der Schottisch-Gälisch spricht kann sich unter Umständen noch mit jemanden verständigen der Irisch-Gälisch spricht, aber beide können sich nicht mit jemanden verständigen der Bretonisch und Kornisch spricht.

Die Kelten, dass Volk das es nie gab

Die Kelten gab es ja wie bereits erwähnt, nie als ein einheitliches Volk oder eine einheitliche homogene Ethnie. Vielmehr kann oder muss man von einer Keltisierungswelle in der Latènezeit sprechen. Damit ist gemeint, dass verschiedene Völker und Stämme die keltische Kultur mit all ihren Aspekten freiwillig angenommen haben. Das bedeutet, dass jeder ursprüngliche Nichtkelte zu einem Kelten werden konnte. Ein gutes Beispiel dafür sind die damals in der Wachau (Niederösterreich) lebenden Rugier. Die Rugier waren ursprünglich ein germanischer Stamm, der jedoch sehr stark keltisiert gewesen ist.

Überträgt man die Aspekte der Keltisierung der Antike auf die Gegenwart, kann man durchaus sagen, dass jeder der sich entweder selbst keltisiert hat oder von jemanden anderen keltisiert wurde, als Kelte zu bezeichnen wäre. Dies kann man natürlich auch auf die Menschen beziehen, die keine keltische Sprache sprechen, wenn diese auf der anderen Seite alle oder viele Aspekte der keltischen Kultur für sich selbst angenommen haben und dies auch leben. Stichwort: Kunst, Literatur, Philosophie, Mythologie, Mode, Schmuck, Musik, Feste, Brauchtum, Weltanschauung usw.

Über die Keltisierung in der Antike

Wie archäologische Funde belegen, ging die Keltisierung in der Antike anfänglich von einzelnen Familien aus. Die Träger dieser neun Kultur waren einzelne Herrscherfamilien, welche eine neue Technologie, Kunst und Weltanschauung usw. gebracht haben. Doch dazu muss man festhalten, dass diese Familien die Menschen nicht unterworfen haben, sondern die Menschen sich diesen Familien weitgehend freiwillig angeschlossen haben und diese als ihre neuen Kulturbringer akzeptierten. Vermutlich war hierfür ein Grund, dass diese Familien anhand ihrer technischen Fähigkeiten großen Einfluss erlangten. Speziell bemerkbar ist es in dem Gebiet, in dem später das keltische (norische) Königreich Noricum errichtet wurde, dem heutigen Österreich. Denn sozusagen über Nacht tauchen in diesem Gebiet auf einmal neue Waffen bei der ursprünglichen Bevölkerung auf, keltische Waffen. Mit der Zeit setzte sich diese neue keltische Kultur auch in allen anderen Lebensbereichen durch und verbreitete sich extrem schnell über die Handelsbeziehungen.

Die Kelten – frühe Europäer

Auch wenn man heute in Mittel- und Westeuropa kein Keltisch mehr spricht, können jedoch viele Europäer die Kelten als ihre Vorfahren bezeichnen. So erklärte der Prähistoriker Otto H. Urban: ″Wenn wir eine gemeinsame Wurzel unserer Geschichte suchen, gibt es gute Gründe, warum wir hier mit den Kelten nicht ganz falsch liegen. (…) Die Ausdehnung der Kelten könnte durchaus mit dem heutigen Europa vergleichen: Im 2. Jahrhundert unserer Zeit siedelten die Kelten auf den Britischen Inseln und an der Westküste Portugals, quer über den mitteleuropäischen Kontinent bis hinunter zu den Donaukelten und den Kelto-Thrakern im heute rumänisch-bulgarischen Gebiet. Die Kelten waren in Oberitalien sesshaft, fielen in Delphi ein und setzten auch über den Bosporus, wo eine kleine Gruppe in Kleinasien blieb, später als die Galater der Paulusbriefe bekannt. Nur nach Norden hin sei die Abgrenzung zu den Germanen schwierig. (…) Das entspricht schon sehr stark dem heutigen Europa: Natürlich wissen wir, wir haben etwas Gemeinsames, aber doch auch sehr viele Spezifika. (…) Das heißt, wir haben schon ein gutes Stück des heutigen Europa, in dem Kelten nachgewiesen sind und ihre Spuren hinterlassen haben. Deswegen kann man die Kelten als erste historisch fassbare Europäer benennen.”

In diesem Zusammenhang sind zwei Aussagen von Interesse. Im September 2016 erklärte der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy: “Was auch immer die Nationalität eurer Eltern sein möge – junge Franzosen, in dem Moment, in dem ihr Franzosen werdet, sind eure Vorfahren die Gallier und Vercingetorix.“

Auch wenn man diese Aussage von Sarkozy als “nicht ganz ernst gemeint“ deuten könnte, sind doch die Ausführungen von Maud Goldscheider, Historikerin im Alesia-Museums-Park, in Bezug auf Vercingetorix sehr aufschlussreich: “Für die Franzosen ist das ein sehr bedeutender Mythos in dem man alles zu den Galliern und dieser Schlacht findet; das ist Teil unserer Geschichte wir haben lange Zeit geglaubt, dass wir direkt von den Galliern abstammen, wir haben uns sehr stark mit ihnen identifiziert, dabei hatten wir ein völlig falsches Bild von ihnen.” Lange Zeit dachte man, dass die Gallier rau, barbarisch und ungebildet gewesen sind, doch mittlerweile weiß man etwas mehr: “Sie waren genauso zivilisiert wie die Römer, sie hatten eine hierarchische Gesellschaft, große Wirtschafts- und Geistes-Zentren, die Oppidum genannt wurden, so wie das Oppidum von Alesia.”

Weit ernster als Sarkozy hat es Bruno Kreisky, 1970 bis 1983 Bundeskanzler der Republik Österreich, gemeint als er einst öffentlich feststellte: “Wir sind alle Kelten”. Damit bezog sich Kreisky auf die keltischen Wurzeln des heutigen Österreichs.

Die Kelten genetisch betrachtet

Doch nicht nur materiell (archäologische Funde) haben die Kelten ihre Spuren hinterlassen, sondern auch genetisch und zwar bis heute. So gibt es, betrachtet man die Kelten aus genetischer Sicht, noch viele Millionen Kelten, die aber selbst davon gar nichts wissen. Bereits im Jahre 2007 hat die in der Schweiz ansässige Ahnenforschungsfirma ″Igenea″ anhand genetischer Untersuchungen herausgefunden, dass 45 Prozent der deutschen Männer keltische Vorfahren haben. In Österreich dürften es wohl mindestens 50 Prozent sein. Denn die genetischen Hauptgruppen in Österreich sind die R1a und R1b Gruppen. “Bei den Schweizern ist es ähnlich wie bei den Deutschen: 60 Prozent stammen von den Kelten ab”, erklärte die Schweizer Gen-Expertin Inma Pazos.

Die Haplogruppe R1a und R1b werden vor allem mit den indoeuropäischen Völkern in Verbindung gebracht. Daher werden diese Gen-Gruppen auch als ‘Kelten-DNA’ bezeichnet, da sie am stärksten bei Völkern mit keltischen Hintergrund verbreitet ist.

Die fremde keltische Kultur

Doch speziell was Mitteleuropa bzw. das Ursprungsgebiet der keltischen Kultur angeht, kann man durchaus sagen, dass uns unsere ursprüngliche Kultur derartig ausgetrieben worden ist, so dass vielen Menschen heute unsere eigene ursprüngliche Kultur einfach nur exotisch erscheint. Denn auch wenn die keltische Kultur eine europäische Kultur ist, erscheinen vielen Europäern die Überreste der keltischen Kultur ‟rätselhaft und fremdartig“ – schreibt der Historiker Arnulf Krause sinngemäß in seinem Buch “Die Welt der Kelten – Geschichte und Mythos eines rätselhaften Volkes“.

Er hat damit nicht ganz unrecht, denn das Attribut ‟rätselhaft“ kommt in vielen Zusammenhängen bezüglich der Kelten vor. Man nennt sie auch ‟ein Volk, das aus dem Dunkel kam“. Vermutlich ist ein Grund dafür, dass die Wissenschaft in der Vergangenheit über die Herkunft der Kelten sehr wenig verlässliches sagen konnte. Doch mittlerweile weiß man, dass die Kelten nicht aus den Weiten Asiens nach Westen gewandert sind, wie lange Zeit angenommen worden ist. Denn die Wurzeln der Kelten verlieren sich laut dem Historiker Arnulf Krause zufolge ‟nicht in fernen Ländern, sondern in den schriftlosen Tiefen der europäischen Vorgeschichte.“

Die Wiederkunft der Kelten

Doch das Blatt scheint sich langsam zu wenden. Die österreichische Schriftstellerin Lotte Ingrisch schrieb hierzu: “Sie haben lange in uns geschlafen, während ein fremder eifersüchtiger Gott in unsere Herzen einzog. Wir wollen ihm nicht vertreiben und auch nicht die Schar seiner Geister und Engel, denn unser Herz ist freundlich und groß. Aber gehorsam soll es nicht länger sein, ein gehorsames Herz ist ein totes Herz. Die Kelten erwachen, erwachen in uns wie Feuer, Wasser und Wind.“

Die bereits verstorbene Keltenforscherin aus dem Waldviertel, Martha Sills-Fuchs, schrieb in ihrem Buch “Der Mittagshirsch“: “Die Kelten drängen immer heftiger ihrer Wiedergeburt entgegen, deshalb suchen und finden sie geeignete Menschen als Medien, beschützen und bewahren sie, weil diese ihr Kommen und Erkennen vorbereiten müssen. Freilich müssen wir auf der Hut sein, damit aus der keltischen Wiederkehr nicht eine Sekte wird, in der einer groß abkassiert, labile Charaktere einfängt und sich an der oft verzweifelten Suche der Menschen nach geistigen Werten bereichert. Was immer geschieht, die Kelten werden uns nicht verlassen.“