Gibt es eine alteuropäische bzw. keltische spirituelle Überlieferung?

Der Dalai Lama sagte einmal sinngemäß, dass er es nicht versteht, warum sich Menschen aus dem westlichen Kulturkreis dem Buddhismus zuwenden. Denn besser wäre es doch, dass diese Menschen in ihre eigene Tradition schauen würden und ergründen, was es da so alles gibt.

Viele westliche Buddhisten halten jedoch dagegen und bekunden, dass es in unserer westlichen Überlieferung nichts vergleichbares gibt, ja dass es sogar gar keine alteuropäische spirituelle Überlieferung gibt. Doch das ist ein Irrtum, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Vergleichbares gibt es insofern wirklich nicht, da das alte indoeuropäische Wissen, welches auch die Wurzeln der indischen Lehren, wie zum Beispiel dem Hinduismus und damit auch dem Buddhismus, zugrunde liegen, dort teilweise in das Gegenteil umgedreht worden ist. Konkret bedeutet dies, dass die ursprünglich lebensbejahende Lehre der indoeuropäischen Kulturen, deren Vertreter in Mitteleuropa die Kelten gewesen sind, in Indien, Tibet und China jedoch zu einer lebensverneinenden Lehre umgedreht worden ist.

Ein Beispiel möge dies verdeutlichen. Manchmal wird die keltische Seelenwanderungslehre mit dem Buddhismus oder dem Hinduismus gleichgesetzt oder zumindest analog verglichen. Aber es gibt in der keltischen Vorstellung jedoch keinen einzigen Hinweis auf Reinkarnation und Seelenwanderung, die auch nur entfernt an die hinduistischen oder buddhistischen Lehren erinnert. Denn während im indischen und buddhistischen Kulturkreis das identische ICH nicht durchgängig als Träger des Fortlebens betrachtet wird, ist das eigene identische ICH in der alteuropäischen bzw. keltischen Tradition jedoch geradezu die grundlegende Voraussetzung.

Sehr deutlich wird das, wenn man sich die Grundlage des Zen-Buddhismus ansieht. Doch dies gilt auch generell für den Buddhismus, denn in seinen Bestrebungen unterscheidet sich der Zen nicht von all den anderen Richtungen des Buddhismus. Die Grundlage des Zen-Buddhismus ist die Leerheit (Shunyata) und das Realisieren von Nicht-Selbst (Anatta). Diese beiden Begriffe sind jedoch unserem westlichen Denken vollkommen fremd und dementsprechend auch nicht vorhanden. Im Zen-Buddhismus heißt es, dass wir erst dann, wenn wir erkannt haben, dass alle Dinge leer sind und unser ICH nur eine Illusion ist, und diese Erfahrung auch in unser Leben eingebracht haben, wir das innerste Wesen von Zen realisiert haben.

Anatta (Pali) oder Anatman (Sanskrit) bedeutet “Nicht-Selbst“, “Nicht-Ich“ oder auch “Unpersönlichkeit“, und ist ein Schlüsselbegriff der buddhistischen Lehre(n). Damit ist grob gemeint, dass keine Existenz ein festes Selbst hat. Die buddhistische Lehre von Anatta (Pali) bezeichnet also das Nichtvorhandensein eines permanenten und unveränderlichen Selbsts, eines festen Wesenskerns oder einer Seele (Atta bedeutet “das Angenommene“). Was normalerweise als “Selbst“ betrachtet wird, ist nach buddhistischer Auffassung eine Ansammlung von sich konstant verändernden, physischen und psychischen Bestandteilen (“Skandhas“). Durch das Anhaften an die Vorstellung, dass der jeweils erlebte, temporäre Zustand eine Art von unveränderlicher und dauerhafter Seele bildet, entsteht Leiden.

Auch Shunyata ist ein zentraler buddhistischer Begriff und bedeutet, dass alles leer und frei von Dauerhaftigkeit ist. Der Begriff der Shunyata leitet sich unmittelbar aus der buddhistischen Lehre vom “Nicht-Selbst“ ab. Er verweist auf die Substanzlosigkeit aller Phänomene infolge ihrer Abhängigkeit von bedingenden Faktoren: Ihrem bedingten Entstehen (Sanskrit: pratityasamutpada, Pali: paticca samuppada). “Leerheit“ ist somit eine Umschreibung für das Fehlen eines konstanten Seins, einer Eigennatur und eines beständigen ICH im steten Wandel der Existenz.

Wie hier deutlich erkennbar ist, ist die buddhistische Geisteshaltung, das komplette Gegenteil von der alteuropäischen Überlieferung, Tradition und Vorstellung über das Wesen der Seele und des eigenen ICHs. Zudem steht die erste der vier edlen buddhistischen Wahrheiten auch im krassen Gegensatz und Widerspruch zu der altkeltischen Vorstellung in Bezug auf das Leben an sich. Denn für die Buddhisten ist das Leben Dukkha (leidhaft, unbefriedigend). So eine Geisteshaltung war den lebensfrohen und lebensbejahenden Kelten jedoch vollkommen fremd. Dies geht eindeutig aus den keltischen Mythen, Erzählungen und Geschichten hervor.

Das keltische Weltbild steht also komplett konträr zum Hinduismus oder Buddhismus, wo man unter anderem auch oft und gerne, mehr oder weniger radikal oder gemäßigt, leidenschaftlich bzw. leiden-schaffend der Askese nachgeht. Der Begriff des Asketen war den frühen Buddhisten natürlich bekannt. Sie sprachen verharmlosend von sama”a (“jemand der sich anstrengt“). Zu den Vorschriften gehörten Besitzlosigkeit, einfachste Kleidung, völlige sexuelle Enthaltsamkeit, Verzicht auf berauschende Getränke und die Verpflichtung, alles zu essen, was in die Bettelschale gelegt wird. Ein Motiv für diese Geisteshaltung, das belegt die Asketenforschung eindeutig, war und ist eine fundamental kritische Einstellung zur Welt. In den angesprochenen ausgearbeiteten religiösen und philosophischen Lehrsystemen bildet den Hintergrund der Askeseforderung meist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Weltablehnung; die sinnlich wahrnehmbare Welt wird zwar nicht in allen asketisch orientierten Systemen als absolut schlecht eingestuft, doch gilt sie gewöhnlich als bedrohlich, fragwürdig und von Natur aus als sehr mangelhaft.

Manche neuzeitliche, speziell westliche, Buddhisten mögen dies vielleicht etwas anders sehen, doch das ist reiner Selbstbetrug und ein ideologischer Trugschluss bzw. Denkfehler, sowie eine Verklärung der philosophischen Grundlagen, welche diesen religiösen Systemen zugrunde liegen. Analog dem christlichen Glauben, bei dem man mit dem christlichen Gott automatisch auch den Teufel in der Einkaufstasche hat – ob man dies nun will oder nicht.

Bei den Kelten gab es im Gegensatz zum Hinduismus und Buddhismus naturgemäß keine Weltablehnung, Selbstablehnung, Körperverstümmlungen oder Askese, denn die Kelten liebten die materielle Welt, ihren Körper, das Leben aber auch den Tod. Ja sogar das Leben nach dem Tode sollte für die Hinübergegangenen schön sein, denn sie gaben ihren Toten auf ihrem Weg ins Jenseits sogar viele Gaben mit, wie z.B. Speisen und Getränke (u.a. Met und Bier), damit diese dann in der Anderen Welt das Leben weiter feiern konnten.

Doch mehr noch, von Valerius Maximus erfahren wir sogar vom Schuldenmachen über den Tod hinaus. Doch auch das setzt ein Fortleben des eigenen ICHs nach dem Tode grundlegend voraus. In “Factorum et Dictorum Memorabilium Libri Novem“ (2,6,10) werden wir von Valerius Maximus über folgendes in Kenntnis gesetzt:

“Außerhalb ihrer Mauern [der Stadt Massalia] begegnet jener alte Brauch der Gallier, die nach der Überlieferung Geld verleihen, das ihnen im Jenseits zurückgezahlt wird, halten sie doch die Seelen der Menschen für unsterblich. Schön dumm würde ich sie nennen, wenn nicht jene, die Hosen tragen, dasselbe glaubten wie der mit griechischem Mantel bekleidete Pythagoras.“

Falsch ist jedoch anzunehmen, dass wir hier in Westeuropa keine eigene traditionelle spirituelle Lehre überliefert haben. Denn das Gegenteil ist der Fall. Was wir hier allerdings nicht mehr haben, ist eine Institution, welche das alte Wissen bez. die alte spirituelle Lehre weitergetragen hat. Denn die Institution “Druidengemeinschaft” ist durch die römische Machtergreifung zerschlagen und vernichtet worden. Zudem kommt, dass später in der christlichen Zeit, die Menschen (man bezeichnete sie oft als Hexen), welche noch Träger des verbliebenen alten Wissens und der Weisheit aus alten Tagen gewesen sind und Reste der alten Überlieferungen aufbewahrt bzw. erhalten haben, verfolgt und getötet worden sind. Aus diesem Grunde ist die alte Lehre sozusagen in den “Untergrund” gegangen.

Die antiken Druiden erfassten und entwickelten das Wissen des keltischen Zweiges der europäischen Eingeborenentradition. Sie organisierten das traditionelle Wissen, lehrten es in Schulen und erfüllten die Bedürfnisse einer komplexen, wachsenden Gesellschaft. Sie wurden mitsamt der Zeugnisse ihrer Kultur so gründlich ausgelöscht, dass heute niemand mehr behaupten kann, etwas davon in direkter Linie bis zur Gegenwart empfangen zu haben. Obwohl das Umfeld, in dem die Druiden wirkten, komplett verloren ging, ist ihr Wirken hingegen in der frühen irischen und walisischen Literatur umfassend überliefert. Auch haben durchaus einige Hexen und volkstümliche Überlieferungen bis heute überlebt. Trotz vehementer Verfolgung blieb durch sie einiges vom alten Weg bis in die Gegenwart erhalten. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass volkstümliche Tradition nicht bis zu dieser philosophischen Ebene wie das Druidentum organisiert war und ganz andere soziale Bedürfnisse erfüllen musste.

Fakt ist aber auch, dass sich aber die modernen Wiccas auf nicht-historische Arbeiten von Schriftstellern wie etwa Sir James Frazer und Margaret Murray berufen. Diese Lehren fußen eher auf koordinierende Praktiker der Gegenwart wie zum Beispiel Gerald Gardner und nicht auf der traditionellen europäischen “Eingeborenenspiritualität”. Daher unterscheiden sich ihre Rituale und Ansichten grundlegend von dem, was wir als keltische Tradition – organisiert und praktiziert durch die antiken Druiden – sehen. Auch neigen Wiccas dazu, “der Göttin” und “dem Gott” zu dienen, während die Druiden einer monistischen bez. pantheistischen Weltanschauung anhingen.

Auch die sogenannten Druidenorden in England, Deutschland, Australien und USA haben nichts mit dem antiken Druidentum zu tun, denn sie sind neuere Erfindungen des 17. Jht. n. Z. Vielmehr sind solche Organisationen aus den Freimaurerlogen heraus entstanden.

Dennoch, heute haben wir jedoch noch genaugenommen drei Wege, unsere alten Überlieferungen zu rekonstruieren bzw. diese zu ergründen und zu erfahren. Zum einen gibt es eine Fülle an antiken Überlieferungen über die Geisteshaltung der keltischen Druiden. Diese sind jedoch nur sekundär überliefert, also nicht direkt von den Druiden selbst, sondern von antiken Autoren, die über die Lehre der Druiden berichteten. Der zweite Weg zur alten europäischen Geisteshaltung sind die Darstellungen auf keltischen Kunstobjekten, die uns direkt von den Kelten hinterlassen worden sind. Ihre Interpretation gibt einen weiteren jedoch direkten Einblick in das Weltbild der antiken Kelten. Zudem gibt es dann noch die mündlichen Überlieferungen, die im geheimen von verschiedenen alten Familien über die Jahrhunderte hinweg, innerhalb dieser Familien, weitergegeben worden sind. Letzteres hat große Vorteile, bringt aber auch jede menge Nachteile mit sich. Der Vorteil daran ist, dass das alte Wissen nahezu unverfälscht bis in die heutigen Tage weitergegeben worden ist. Doch der große Nachteil daran ist, dass dadurch dieses Wissen nur sehr wenigen Menschen zugänglich ist. Nur selten, wird dieses Wissen auch an Personen weitergegeben, die nicht zu diesen Familien gehören. Dieser Umstand führte letztlich dann dazu, dass man zu der Annahme gelangt, in Europa gäbe es keine spirituelle Überlieferung.

Aber, es gibt auch heute noch seriöse Druiden, im weitesten Sinn des Wortes bzw. Amtes. Eine der Hauptaufgaben eines modernen Druiden im 21. Jahrhundert besteht darin, die keltische Kultur mit allen ihren Facetten zu bewahren und zu vermitteln, damit sie auch im 22. Jahrhundert weiterbesteht. Dazu zählen unter anderem die Geschichte der keltischen Kultur, die Weltanschauung, die Reste und Fragmente des alten mündlich überlieferten Druiden-Wissens, die Kunst, die Mythologie, die Literatur, die Geschichten, die Musik, die Symbolik, die Brauchtümer, die Schmuck- und Kleidermode und schließlich auch noch die keltische Sprache(n).

Viele Aspekte, Aufgabenbereiche und Ämter, welche die Druiden in keltischer Zeit inne hatten, gibt es heute jedoch nicht mehr. Dasselbe gilt für die gesellschaftliche Stellung der Druiden zur Zeit der Kelten. Die antiken Druiden waren so mit der keltischen Kultur verbunden und verwoben, wie bereits erwähnt, dass diese zwangsläufig mit der keltischen Kultur verschwanden. Dennoch gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit zwischen den antiken und modernen Druiden. Die Druiden waren damals, genauso wie die Druiden heute, die Bewahrer der keltischen Kultur und die Vermittler der keltischen Weltanschauung.