Die verlorenen Städte von Norikum

Zweifelsfrei wird es sicherlich sehr viele ehemalige norische Städte geben, die heute verloren und nicht mehr auffindbar sind. Doch drei von dieses Städten, stechen speziell heraus. Es handelt sich dabei um die Stadt Noreia, die Stadt Idunum und die Stadt Sala. Alle drei genannten Städte befanden sich im Hoheitsgebiet des keltischen Königreichs Norikum, das sich zum Großteil auf dem Gebiet des heutigen Österreichs befunden hat.

Die verlorene Stadt Idunum

Idunum ist eine beim alexandrinischen Astronomen und Geographen Ptolemaios für Norikum genannte Siedlung (polis) westlich von Santicum (heute Villach) und nördlich von Iulium Carnicum. Die exakte Lage von Idunum ist unbekannt, am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass diese keltische Siedlung der Hallstattzeit sich entweder im Tal der Drau oder der Gail befunden hat. So fanden sich auf der Gurina in der Gemeinde Dellach im Gailtal Mauerreste, die sich in einer Höhe von bis zu 2,40 m erhalten haben; später errichteten auch die Römer an dieser Stelle einen befestigten Stützpunkt. Andere Indizien sprechen für einen Standort bei Irschen an der Drau.

Iduna, lateinischer Name nordischen Ursprungs, Bedeutung angelehnt an die gleichnamige altnordische Göttin der ewigen Jugend.

Idun, die germanische Göttin der Jugend und Unsterblichkeit mit ihrem lateinischen Namen

Idun oder auch lateinisch Iduna (altnordisch Iðunn ‚die Erneuernde, die Verjüngende‘) ist in der nordischen Mythologie die Göttin der Jugend und der Unsterblichkeit. Sie ist die jüngste Tochter der älteren Kinder des Zwergs Ivaldi und die Gemahlin des göttlichen Sängers Bragi, der sie mit einem Lied für sich gewann. Idun ist die Hüterin der goldenen Äpfel, die den Göttern die ewige Jugend und damit auch die Unsterblichkeit verleihen. Als Hüterin der goldenen Äpfel ist ihr Baum der Apfelbaum.

Die verlorene Stadt Sala

Der erste der auf diesem Areal begann, Kärntens Kulturdenkmäler auszugraben und zu entdecken, war der landständische Sekretär – Dominikus Prunner (1654-1718). In seiner Freizeit widmete er viele Stunden der verschollenen Stadt auf dem Zollfeld, deren Name damals noch unbekannt war. Prunner nannte sie “Sala” in Übereinstimmung mit dem Ortsnamen Maria Saal. Nach ihm benannt wurde auch das “Prunner Kreuz”, einer Kapelle die er erbauen ließ, in dem er die Wände mit Steinen der ehemaligen Römerstadt ausschmückte. Unter dem Grabstein zweier Knaben ließ er folgende Zeilen schreiben: “HIC LOCVS EST / UBI SALA STETIT / PENE-TRARE VISTOR”, was soviel bedeutet wie: “Das ist die Stelle, wo Sala einst stand. Betritt sie, o Wanderer.”

Später wurde es nach ihm benannt, “Prunner Kreuz”. Prunner mauerte in die Außenwände der Kapelle Fundsteine, die in vielen Jahren eifriger Forschung gesammelten Inschriften und Reliefs, der ehemaligen versunkenen Römerstadt. Unter dem Grabstein zweier Knaben ließ er folgende Zeilen schreiben: “HIC LOCVS EST / UBI SALA STETIT / PENE-TRARE VIATOR”, was soviel bedeutet wie: “Das ist die Stelle, wo Sala einst stand. Betritt sie, o Wanderer.”

Die Römersteine der Prunnerkapelle sind größtenteils Grabsteine, wie sie zahllos die Straßen säumten, die von Virunum ausstrahlten. Ihre Inschriften vermitteln uns ein Bevölkerungsbild ganz ähnlich dem des Magdalensberges: Römer und Kelten lebten friedlich neben- und miteinander; die männlichen Toten waren meist Soldaten oder Veteranen.

Zu den 13 Steininschriften, die Aventin bei seinem zweimonatigen Salzburg- Aufenthalt September-Oktober 1523 notiert hat, möchte ich ebenfalls nur die Ortsangaben wiedergeben (Die Inschriften von Mülln und bei der Ulrichskirche hat Aventin jedoch bereits 1512 notiert).

Bei den Deutungen der Ortsnamen durch Aventin ist etwas Vorsicht angebracht: „Gauanodurum“ identifiziert er mit Burghausen, weil er dort „Idunum“ lokalisiert. Die „Idenau bei Diethmaning“ (Buch II, cap. 56, S. 715) ist jedenfalls die Ettenau am rechten Salzachufer gegenüber von Tittmoning „zwo Meiloberhalb Purghausen“ (15 km).

Bei der folgenden Gruppe romanischer Bezeichnungen handelt es sich offenkundig um Kognaten:

fra. salle/ita. sala ‚Saal‘;
port./span./kat. sala ‚Saal, Hauptwohnraum‘;
rum. sală ‚Saal‘ ist zweifellos ein junge Entlehnung aus dem Fra. und/oder Deu.

Es drängt sich auf, einen Zusammenhang mit deu. Saal einerseits und andererseits mit einer umfangreichen Gruppe von Ortsnamen anzunehmen, zu der das römische Sala (heute: Rabat in Marokko), die französischen und italienischen Ortsnamen des Typs Salles, Sala etc. gehören sowie zahlreiche bereits lateinische Derivationen und einige Kompositionen mit dieser Basis.

Name folgender Orte:

Sala (Schweden), Stadt in Schweden
Sala (Gemeinde), Gemeinde in Schweden
Sala (Lettland), Ortschaft in Lettland
Sala Baganza, Gemeinde in Italien
Sala Biellese, Gemeinde in Italien
Sala Bolognese, Gemeinde in Italien
Sala Comacina, Gemeinde in Italien
Sala Consilina, Gemeinde in Italien
Sala Monferrato, Gemeinde in Italien
Sala Capriasca, Gemeinde in der Schweiz
Šala, Stadt in der Slowakei
Okres Šala, Verwaltungsgebiet in der Slowakei
Sala, Ortsteil der Gemeinde Giaveno in der Provinz Turin in Italien

Unter den Orten der Tabula Peutingeriana mit unbestreitbarer Namenskontinuität ist Sallach, das zu Pörtschach am Wörther See in Kärnten gehört. Der Name ist in der Tabula als Saloca bezeugt.

Sucht man nun weitere Orte dieses Namens sowie der Variante Salach ergibt sich die folgende Liste:

Sallach (Katastralgemeinde von Pörtschach am Wörthersee, Kärnten).
Salach (Lesachtal, Kärnten)
Langensallach Ort (Dorf) (Gemeinde Schernfeld, Kreis Eichstätt, Oberbayern)
Sallach Ort (Weiler) (Gemeinde Uffing am Staffelsee, Garmisch-Partenkirchen, Oberbayern)
Sallach Ort (Dorf) (Gemeinde Rimbach, Kreis Rottal-Inn, Niederbayern)
Sallach Ort (Kirchdorf) (Gemeinde St. Geiselhöring, Straubing-Bogen, Niederbayern)
Sallach Ort (Weiler) (Gemeinde Zell, Kreis Cham, Oberpfalz)
Sallach Ort (Weiler) (Gemeinde Niedermurach, Kreis Schwandorf, Oberpfalz)
Sallach Ort (Kirchdorf) (Gemeinde St. Rain, Donau-Ries, Schwaben)
Burgsalach Ort (Pfarrdorf) (Gemeinde Burgsalach, Kreis Weißenburg-Gunzenhausen, Mittelfranken)
Salach Ort (Weiler) (Gemeinde Roßhaupten, Kreis Ostallgäu, Schwaben)
Eislingen-Salach (Gemeinde) (Landkreis Göppingen, Baden Württemberg)
Sallach (bei Vöcklabruck, Oberösterreich)

Bis auf 7. und 8. liegen alle Orte südlich des Limes.

Die Basis sal-

Angesichts der Situierung der deu. Ortsnamen auf Basis von sal- südlich des Limes drängt es sich auf, lateinisch-romanischen Ursprung oder zumindestens lateinisch-romanische Vermittlung anzunehmen. Es dürfte sich daher um dieselbe Basis handeln, die auch den genannten römischen Ortsnamen (Sala, Salona usw.) zu Grunde liegt. Ein wirkliches Etymon ist damit allerdings noch nicht identifiziert. Immerhin lassen sich im Licht des Gesagten bestimmte Kriterien formulieren, denen eine Herleitung genügen muss:

Wegen antiker Belege scheidet die Annahme einer germanischen Grundlage aus; die ganze Diskussion wirft dagegen ein merkwürdiges Bild auf die kaum in Frage gestellten Ableitung der italienischen Ortsnamen des Typs Sala vom langobardischen bzw. fränkischen *sal, wie überhaupt die germ. Etymologie der romanischen Appellativa (franz. salle, it. sala usw.) nicht wirklich überzeugt.

Trotz der Verbindung mit den genannten keltischen Elementen (magos, durum, -acum) passt die Verbreitung von Mauretanien, über Süditalien bis Dalmatien nicht gut zur Annahme eines keltischen Grundwortes.

Das einzige lateinische Etymon, das formal in Frage kommt, passt semantisch nicht:

„lat. salum […] I. 1) eig. v. Meere, a) das offene, hohe Meer […] b) das Meer übh. c) übtr., die Strömung eines Flusses“ (Georges 2467 )

Es bleibt daher nur die Konsequenz, ein nicht bezeugtes lateinisches *salum ‚kleinere Siedlung, kleineres Kastell, Landgut‘ oder in ähnlicher Bedeutung anzunehmen; denkbar ist allerdings auch galloromanischer Ursprung mit sekundärer Verbreitung über das Lateinische (analog zu gallisch carrus ‚Wagen‘, das früh gesamtromanische Verbreitung gefunden hat).

Šala ist eine sumerische, babylonische, assyrische und hurritische Göttin. Sie galt als Gattin von Adad, Dagan oder Nusku, im hurritischen Bereich auch von Kumarbi. Sie trägt manchmal das Epithet ša šadî, was nach Klengel auf eine nördliche Herkunft verweisen könnte. Nach dem MUL.APIN ist Šala die Göttin des Sternzeichens Jungfrau, die Ackerfurche (AB.SIN).

Sie wurde als Schwurgottheit in neuassyrischen Vasallenverträgen angerufen, so in dem Akitu-Vertrag (VAT 11449), wo sie direkt nach Adad aufgeführt wird. In Aššur wurde sie zusammen mit Nisaba und ?abiru im Adad-Tempel verehrt (KAV 42 II 8-11).

Šala ist, wenn auch nicht häufig, als theophorer Namensbestandteil überliefert, so in Ipiq-Šala aus Sippar in der Regierungszeit von Samsu-ditana.

Die verlorene Stadt Noreia

Noreia war ein antiker Ort im östlichen Alpenraum. Julius Caesar vermittelt den Eindruck, dass Noreia die Hauptstadt des Königreichs Noricum war. Noreia wurde schon von Plinius dem Älteren (†79 n. Chr.) zu den untergegangenen Städten des Abendlandes gerechnet. Eine Reihe von Orten in Kärnten und in der Steiermark ist in Betracht gezogen worden. Eine Gleichsetzung mit der nicht lokalisierbaren keltischen Stadt Nyrax muss als reine Spekulation angesehen werden.

“Der Streit um die Lage Noreias ist uralt”. Auf Grund antiker Entfernungsangaben – 1200 Stadien von Aquileia – glaubte man bereits im 18. Jahrhundert eine Lage bei Murau[5] oder Neumarkt in der Steiermark errechnen zu können, eine Ortsbestimmung, die sich seither in zahlreichen Nachschlagewerken findet, aber in der Wissenschaft immer wieder in Zweifel gezogen wurde. Mit dem attischen Stadionmaß Strabos würde die Entfernung 213 km betragen, die Entfernung auf modernen Verkehrswegen zwischen Aquileia und Neumarkt in der Obersteiermark beträgt jedoch 249 km. Selbst nach römischen Stadien (223 km) ist man auf dem Weg von Aquileia her noch immer in Kärnten (die Entfernung Aquileia – St. Veit an der Glan beträgt 216 km, zur steirischen Landesgrenze 238 km). Nach der „Festlegung“ der Lage Noreias bei Neumarkt waren deren Verfechter sogar verleitet, die Entfernungsdiskrepanz durch eine rückwirkende Korrektur der Angabe Strabos von 1200 auf 1500 Stadien zu erklären.

Noreia müsse mit der ausgegrabenen, namenlosen keltisch-römischen Stadt auf dem Magdalensberg in Kärnten identisch sein, war eine andere Annahme. Auch auf dem Zollfeld sowie im Kärntner Glantal beim Noreia-Heiligtum der lokalen keltischen Fruchtbarkeitsgöttin in Hohenstein in der Gemeinde Liebenfels wurde Noreia vermutet. Desgleichen wurde es auf der Gurina bei Dellach im Gailtal, bei Lölling bzw. Semlach / Hüttenberg (Franz Ertl, 1969)[9] oder beim steirischen Wildbad Einöd geortet, das die Tabula Peutingeriana als „Poststation Noreia“ verzeichnet, doch ist die originale römische Vorlage der berühmten Straßenkarte immerhin fast ein halbes Jahrtausend nach der angeblichen „Schlacht bei Noreia“ entstanden. Sogar im Quellgebiet der Save, weitab von den anderen Orten, hat man Noreia vermutet. Die jüngste, durchaus ernst zu nehmende Theorie für die Lage Noreias von Paul Gleirscher, der es 2001 noch auf dem Maria Saaler Berg vermutete,[12] betrifft die Gracarca, einen Höhenzug am Klopeiner See in Kärnten, wo eine eisenzeitliche Siedlung und mehrere keltische Fürstengräber gefunden wurden.

Die Siedlung, die wir auf der Gracarca lokalisiert haben, ist die typische Höhensiedlung von naturhafter Wehrhaftigkeit, wie sie sozusagen immer als Vorbild zur Suche galt. Sie ist sehr großflächig und nimmt im Lauf von eintausend Jahren vor Christus einen enormen Aufstieg. Der Höhepunkt ist in den letzten 300 Jahren v. Chr. erreicht und liegt somit in der bewussten Zeit.

2012 stellte Reinhard Stradner, ein österreichischer Berufsoffizier und Militärhistoriker, aufgrund militärwissenschaftlicher Grundlagen[15] die Theorie auf, dass Noreia im Raum Knappenberg (Gemeinde Hüttenberg), Kärnten, zu lokalisieren sei.[16] Andere Hobbyarchäologen wollen Noreia aufgrund von Keramikfunden aus der Zeit 3000 bis 3500 v. Chr. im Kärntner Görtschitztal lokalisieren.[

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es nicht nur einen einzigen Ort gab, der Noreia hieß. Das Wort könnte einfach nur „norische Stadt“ bedeuten. Für eine Mehrfachverwendung des Namens sprechen u. a. etwa zwei gleichlautende Einträge in der Tabula Peutingeriana, der Kopie aus dem 12. Jahrhundert einer spätrömischen Straßenkarte. Das ältere Noreia mit etwa 3,5 km im Durchmesser und eine neue gleichnamige Stadt mit den Ausmaßen von 7,5 mal 3,4 km sind darauf im Gebiet der heutigen Steiermark vermerkt. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass es sich beim zweimaligen Eintrag einer Straßenstation mit Namen Noreia nur um einen Schreibirrtum handelt, worauf bereits im 19. Jahrhundert hingewiesen wurde.[26] Auch weil auf der Karte z. B. sowohl das längst untergegangene Pompei als auch das viel später gegründete Konstantinopel aufscheinen, ist ihre faktische Detailgenauigkeit in Frage gestellt worden.

Der griechische Geschichtsschreiber Strabo und über ein Jahrhundert später auch Appian von Alexandria berichten, dass im Jahre 113 vor Christus Kimbern und Teutonen über ein römisches Heer unter dem Konsul Cn. Papirius Carbo in der Schlacht „bei Noreia“ siegten. Es ist aber weder geklärt, welche Entfernung die Erwähnung eines Ortsnamens in einem Gebiet mit wenigen bekannten Stätten bedeutet, noch, ob der Ort der Schlacht überhaupt mit dem Hauptort des norischen Königreichs identisch ist. Wie groß die Unsicherheit ist, mag man daran erkennen, dass beispielsweise Sempronius Asellio, ein jüngerer Zeitgenosse des Polybios, Noreia gar nach Gallien verlegt, was darauf zurückzuführen sein mag, dass die Noriker lange – auch noch bei Livius – als „transalpine Gallier“ bezeichnet wurden. Die Quelle, aus der Asellio die Angabe übernahm, Noreia liege in Gallien, muss allerdings geschrieben worden sein, ehe der Kimbernkrieg 113 v. Chr. mit der Schlacht bei Noreia begann, denn die Römer gebrauchten bereits gegen 120 v. Chr. den Landesnamen Norikum und bezeichneten schon vor 113 v. Chr. alle Bewohner des norischen Königreichs als Noriker.