Die keltische Kunst und der Jugendstil

Die Vorstellung oder das Bild welches man in der Vergangenheit über die Kelten hatte, beherrschte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder die Literatur und Malerei, von der Romantik bis zum Jugendstil. Besonders deutlich wird dies, vergleicht man die latènezeitliche Kunst mit dem Jugendstil.

Die Latènezeit, auch La-Tène-Zeit, ist eine Epoche der jüngeren vorrömischen Eisenzeit in weiten Teilen Mitteleuropas. Sie reicht von etwa 450 vor unserer Zeit bis zur Zeit um das Jahr 0. Die Träger der Latènekultur waren die Kelten. Im Jahre 1944 unserer Zeit wurde die frühe keltische Kunst von Paul Jacobsthal in 4 Stilrichtungen eingeteilt: früher Stil, Waldalgesheim-Stil, Plastischer Stil und Schwert-Stil.

Der Jugendstil oder Art nouveau ist eine kunstgeschichtliche Epoche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unserer Zeit. Dem Jugendstil zuzuordnende Strömungen sind der Reformstil (nach der Reformbewegung), der Secessionsstil (nach der Wiener Secession), Modernisme (bezogen auf Katalonien), in Russland Modern, tschechisch Secese, slowakisch Secesia, polnisch Secesja, ungarisch Szecesszió. Neben dem im Französischen, Englischen und Italienischen dominierenden Ausdruck Art nouveau wird im Englischen auch Modern Style und im Italienischen Stile Floreale oder Liberty verwendet. Zeitlich gehört der Jugendstil zum Fin de siècle.

Gemeinsamkeiten der latènezeitlichen Kunst und des Jugendstils sind zum Beispiel die naturalistischen Elemente, die dekorativ geschwungenen Linien sowie die großflächigen floralen Ornamente. Speziell in Schottland wurde der Jugendstil von keltischen Elementen beeinflusst. Doch auch Wiener Künstler bedienten sich in ihrer Kunst immer wieder keltischer Motive. So zum Beispiel der Bildhauer Gustav Gurschner. Er entwarf zum Beispiel im Jahre 1905 in Wien eine bronzene Vase mit keltischen Motiven und einem Käfer. Darüber hinaus bediente sich auch der deutsche Bildhauer Guenter Hauenstein in seiner Kunst immer wieder keltischen Elementen.

Doch auch heute noch beeinflusst die keltische Kunst zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen. So gab es zum Beispiel im Jahre 2014 in der Marktgemeinde Gumpoldskirchen (Niederösterreich) die Ausstellung „Aquarelle“ von Friedl Wicke – „Keltische Kunst – heute“ von Diether Schlinke. Das Konzept dieser Ausstellung war, dass Aquarelle von Friedl Wicke gezeigt wurden, die von Druckgraphiken mit dem Thema „Keltische Kunst – Heute“ von Diether Schlinke begleitet worden sind.

Diether Schlinke zeigte mit seinen Werken keltische Motive in Tiefdrucktechnik. Das Ziel war es diese Motive, auch außerhalb von Museen, teils vergrößert oder verkleinert komponiert für ein breiteres Publikum sichtbar zu machen. Ein besonderes Anliegen dabei war es für den Künstler, dieses alte europäische Erbe in das allgemeine Bewusstsein zu bringen, das zu pflegen gilt, wie es sich verdient.

Tatsächlich ist es so, dass wir erst heute den künstlerischen Wert des keltischen Kulturkreises erkennen und begreifen. Besonders weit voraus oder modern war die keltische Kunst in der Suche nach der Abstraktion. Felix Müller Professor an der Universität Bern und stellvertretender Direktor des historischen Museums Bern erklärte in einem Interview mit der NZZ auf die Frage was denn das Besondere an der keltischen Kunst sei folgendes: “Das Hintersinnige. Man kann in diesen Ornamenten oft nicht auseinanderhalten, ob es sich um rein pflanzliche Motive handelt – Ranken etwa oder Blüten – oder ob es nicht doch ein Tier ist oder sogar ein Mensch, der einen da anschaut. Man muss bei den Kelten immer darauf gefasst sein, dass uns irgendwo aus den Mustern heraus zwei Augen anschauen. Derartige versteckte Gesichter sind in der griechisch-römischen Kultur ganz unvorstellbar. Und dann gibt es noch eine weitere Eigenheit: Man sieht zum Beispiel weisse Schlingen- und Tropfenformen auf schwarzem Grund. Wenn man nun die Augen zusammenkneift und den schwarzen Hintergrund als das Motiv betrachtet, sieht man dieselben Schlingen- und Tropfenformen – das ist unglaublich raffiniert. Der Hintergrund bildet selbst auch ein Motiv, man weiss also nicht mehr, was Zeichnung ist und was Hintergrund ist.”