Die Gründung des Klosters Kremsmünster

Am linken Ufer des kleinen Kremsflusses, hoch droben auf dem Rücken eines steil aufstrebenden Felsenberges thront der imposante Bau des weltberühmten Stiftes Kremsmünster. Weit ins Land mit ihrem weißen Gemäuer leuchtet die große majestätische Gottesburg mit ihrer freistehenden, vielstöckigen Sternwarte.

Es klingt herüber aus ferner Zeit eine von Tragik überschattete Sage, die von der Gründung dieses herrlichen Klosters erzählt. Vor eintausendzweihundert Jahren gab es in diesem hügeligen Landstrich viele Wälder, in denen noch Bären, Wölfe, wilde Eber und andere Raubtiere hausten.

Zu jener Zeit weilte einmal Herzog Thassilo, der letzte Beherrscher des Bayemlandes, zu dem auch ein größerer Teil des gewesenen Noricums gehörte, in der von Bayern besiedelten Ortschaft Lorch. Gunther, der Sohn Thassilos, vergnügte sich mit seinen Jagdgefährten in der wildreichen Gegend des heutigen Kremsmünster mit der Jagd. Der Jüngling, von seinem treuen Jagdhund begleitet, stieß im Verlauf der Jagd auf einen gewaltigen Eber, den er mit Eifer durch den ausgedehnten, dunklen Wald verfolgte, wobei er sich von seinen Jagdgefährten verlor.

Bei einem Weiher mitten im Walde, der heute Guntherteich genannt wird, erreichte er den Keiler und stieß ihm mit Gewalt den Speer in den Leib. Da aber der Speer abbrach und Gunther stürzte, brachte das wütende Tier mit grimmigem Zahn den Prinzen eine so schwere Wunde bei, dass er, da keine Hilfe zur Stelle war, neben dem toten Eber verbluten und sterben musste. Der Hund beleckte seinen Herrn, der dalag und sich nicht mehr rührte, Hände und Gesicht und stieß lange ein weithin schallendes Klagegeheul aus. Dann jagte er davon.

Die Jagdgefährten des Prinzen Gunther waren weit durch die Wälder gestreift. Als sie bemerkten, daß ihr Gebieter fehle, standen sie auf einem Hügel, dort, wo heute der Ort Wartberg liegt. Dort warteten sie auf Gunther, ihren Herrn, bliesen die Jagdhörner, dass es weithin durch die Wälder schallte, und schickten Leute auf die Suche nach Gunther aus.

Plötzlich kam der Hund des Prinzen mit heraushängender Zunge gelaufen und stieß winselnde Klagelaute aus. Die Gefährten ahnten sogleich, dass dem Herzog ein Unglück zugestoßen sein müsse. Sie folgten dem sie führenden Hunde und fanden bei dem genannten Teiche die im Blute liegende Leiche Gunthers, ihres Herrn.

Sogleich sandten sie einen reitenden Boten mit der traurigen Kunde an den Vater Thassilo nach dem etwa acht Stunden entfernten Lorch. Eiligst brach dieser mit großem Gefolge auf zur Stätte des Todes. Hier trauerte und beweinte er den Tod des geliebten Sohnes Gunther und gelobte, hier zur Seelenruhe seines Sohnes ein Kloster und eine Kirche zu erbauen zum immerwährenden Gedächtnisse des schmerzlichen Unglücks. Als sich der Vater Thassilo, da es schon Nacht geworden war, noch immer trauernd bei seinem Sohne aufhielt, trat aus dem Dunkel des Waldes ein mächtiger weißer Hirsch mit flammenden Lichtern auf den Geweihstangen, der den Platz als den tauglichsten zur Erfüllung des Gelübdes wies. Der über den Todesfall sehr betrübte Vater ließ alsbald auf dem Orte des Unglückfalles eine hölzerne Kapelle bauen und die Leiche seines Sohnes darunter begraben. Die Sage meldet weiter, dass Thassilo an der Stelle der hölzernen Kapelle nachträglich eine prächtige Kirche und das Kloster erbauen ließ und sie dem Benediktinerorden widmete.

Laut Stiftbrief ist es richtig, dass Kremschünster im Jahre 777 und zwar im dreißigsten Regierungsjahre Thassilos II. und seines Sohnes Theodo als Mitregenten, gestiftet worden ist. Die herzlose Geschichtsbeschreibung kennt zwar keinen Sohn Thassilos II. namens Gunther und meint, dass der einst stattgefundene Unglücksfall nicht einen Sohn, sondern einen Verwandten oder einen anderen Liebling des Bayernherzogs betroffen hat.

Zur Zeit der Gründung des Klosters Kremschünster war die Gegend noch so wild und rauh und sie blieb noch lange in diesem unwirtlichen Zustande; denn aus alten Urkunden ist zu entnehmen, dass Geistliche, wenn sie ausgingen, Begleiter und Waffen mitbekamen, um nicht von Bären und Wölfen angefallen zu werden.