Die Bildner der Erde

In Tir-na-Moe, dem Lande der lebenden Herzen, sang Brigit. Angus, der Ewig-Junge, und Midyir, der Rothaarige, und Ogma, genannt “Glanz der Sonne”, und der Dagda und andere Götter Dana’s kamen näher zu lauschen.

Brigit sang:
Nun kommt die Stunde, die uns Gott verhieß und bringt des Wunders Schau.
Ist es ein Stern, der neugeboren, kraftvoll dringt aus nächtgem Grau?
Ist’s eine Welle, die dem Schönheitsquell entspringt als Freudentau?
Ist es ein Vogel ohne Tod, der glorreich sinkt zur Erdenau?
Es ist die Welle, steigend, tönend, siegesreich, brechend im Licht.
Es ist ein Stern, von Lieb erfüllt und Freud, des Glanz Nächte durchbricht.
Es ist ein Feuer, gottentborn, und Liebe geht dem Licht voran, und Tod berührt es nicht.
Die Welle breche nur, aufgeh’ der Stern, die Flamme leuchte weit.
Es ist an uns, so unsere Herzen weise sind, jetzt stark zu sein und zum Empfang bereit.

Brigit hörte auf zu singen, und für eine kleine Welle herrschte Schweigen in Tir-na-Moe. Dann sagte Angus: “Fremd sind die Worte deines Gesanges, und fremd ist die Musik. Sie zog mich jäh herunter aus dem Äther – tief – tief – immer tiefer. Tir-na-Moe war wie ein halb erinnerter Traum. Ich fühlte den Atem fremder Welten auf meinem Angesicht, und dein Gesang wurde mächtiger und mächtiger. Aber du sangst ihn nicht. Wer hat ihn gesungen?” “Die Erde hat ihn gesungen.”
“Die Erde!” sagte der Dagda. “Ist nicht die Erde auf dem tiefsten Grunde des Chaos? Wer hat je in diesen Abgrund gesehen oder an ihm gestanden zu lauschen, da, wo weder Schweigen ist noch Gesang?”

“O Hirte der Sternenherden, ich habe da gestanden zu lauschen. Mir hat geschaudert in der Finsternis, welche die Erde umhüllt. Ich habe die schwarzen, zischenden Wasser gesehen und die Ungeheuer, die einander verschlingen – ich habe hineingeschaut in den sich windenden, zuckenden Natterngrund der Hölle.”

Das Licht, in dem die Götter Dana’s atmen, ward getrübt durch den Gedanken an den Abgrund, und sie riefen aus: “Sprich nicht weiter von der Erde, o Flamme der zwei Ewigkeiten, und lass die Gedanken an sie vor dir abgleiten, wie der Traum der Erinnerung entgleitet!”

“O Silberzweige, von keinem Schmerz geschüttelt”, sagte Brigit, “hört noch ein anderes! Die Erde wehklagt jede Nacht, weil sie von der Schönheit geträumt hat.”

“Was für einen Traum, o Brigit?”

“Die Erde hat geträumt von der reinen Stille des Urbeginns, von dem Stern, der dem Sonnenaufgang vorangeht, von einer Musik, gleich der Musik meines Gesanges.” “Oh Morgenstern”, sagte Angus, “hätte ich doch nie deinen Gesang gehört, denn nun kann ich die Gedanken an die Erde nicht mehr von mir abschütteln!”
“Warum solltest du die Gedanken von dir abschütteln, Angus, weises Herz? Du hast dich eingehüllt in alle Farben des Sonnenlichtes, bist du nicht bereit, in die Finsternis zu schauen und den Donner der Wogen des Abgrunds zu hören? Bist du nicht bereit, Freude in den Abgrund zu bringen?”

Angus antwortete nicht. Er streckte eine Hand aus und pflückte eine Blüte von einem Zweig. Er hauchte die Blüte an und warf sie in die Luft. Sie verwandelte sich in einen wunderbaren, weißen Vogel und umkreiste ihn singend.

Midyir, der Stolze, erhob sich und schüttelte die hellen Locken seines Haares aus, bis er ganz in Strahlen gehüllt war wie in ein Goldenes Vlies.

“Ich bin bereit, in die Finsternis zu schauen”, sagte er. “Ich bin bereit, den Donner des Abgrunds zu hören.”

“Dann komm mit mir”, sagte Brigit. “Ich gehe, meinen Mantel um die Erde zu breiten, weil sie von der Schönheit geträumt hat.”

“Ich will einen Platz für deinen Mantel bereiten”, sagte Midyir. “Ich will ein Feuer zwischen die Ungeheuer werfen.”

“Auch ich will mit dir gehen”, sagte der Dagda, der auch der Grüne Harfner genannt wird.
“Und ich”, sagte Glanz der Sonne, dessen anderer Name Ogma der Weise ist. “Und ich”, sagte Nuada, der Schwinger des Weißen Lichtes, “Und ich”, sagte Gobniu, der Wunderschmied, “wir wollen die Erde neu schaffen.”

“Viel Glück zu dem Abenteuer!” sagte Angus. “Auch ich würde mitgehen, wenn ihr das Lichtschwert mit euch nähmet.”

“Wir werden das Lichtschwert mitnehmen”, sagte Brigit, “und den Kessel der Fülle und den Speer des Sieges und den Stein des Schicksals, denn wir wollen in die Erde hineingestalten Macht und Weisheit und Schönheit und die verschwenderische Kraft des Herzens.”

“Das ist gut gesagt”, riefen die Strahlenden alle. “Wir wollen die vier Schätze mitnehmen.”

Ogma brachte das Lichtschwert von Findrias, der wolkengleichen Stadt, die im Osten der De Danaan Welt liegt. Nuada brachte den Speer des Sieges von Gorias, der flammenhellen Stadt, die im Süden der De Danaan-Welt liegt. Der Dagda brachte den Kessel der Fülle von Murias, der Stadt, die im Westen der De Danaan-Welt erbaut ist und die Stille tiefen Wassers hat. Midyir brachte den Stein des Schicksals von Falias, der Stadt, die im Norden der De Danaan-Welt erbaut ist und die Festigkeit eines Diamanten hat. Dann machten Brigit und ihre Begleiter sich auf den Weg. Sie senkten sich wie ein Sternenregen hernieder, bis sie die Finsternis erreichten, welche die Erde umhüllte, und hinunterschauend sahen sie unter sich, wie auf einem Höllengrund, das sich windende, zuckende, grässliche Leben, das da wimmelte und wühlte und sich selbst unaufhörlich verschlang.

Vor dem siedenden Wirrwarr dieses Abgrunds wichen die Strahlenden alle zurück, nur Midyir nicht. Er ergriff den feurigen Speer und stieg in die Tiefe wie eine Flamme.

Seine Begleiter schauten hinunter und sahen, wie er das Leben der Ungeheuer zertrat gleich einem Keltertreter, der Trauben presst. Sie sahen, wie das Blut und der Schaum der Zerstörung an Midyir aufstiegen und ihn rot färbten bis zum Scheitel. Sie sahen, wie er den Speer im Kreise schwang, bis der zu einem Feuerrad wurde, das Funken und Flammenzungen von sich sprühte. Sie sahen, wie die Flammen die Finsternis verzehrten, in sich zurückfielen und sich ausbreiteten, blühten – dunkelrot – blutrot – rosenrot zuletzt.
Wie der Glanz eines Rubins stieg Midyir aus dem Abgrund hinauf und sagte: “Ich habe einen Platz bereitet für Brigits Mantel. Wirf deinen Mantel hinunter, Brigit, und segne die Erde!”

Brigit warf ihren Mantel hinab, und als er die Erde berührte, breitete er sich aus und entrollte sich wie eine Silberflamme. Er nahm den Platz, den Midyir bereitet hatte, in Besitz, wie das Meer Besitz ergreift und breitete sich immer weiter aus, weil alles, was unrein war, zurückwich vor den kleinen Silberflammen an seinem Rande. Er hätte sich wohl ganz um die Erde gebreitet, wenn nicht Angus, der jüngste der Götter, die Geduld verloren hätte, länger zu warten. Er sprang hinunter und stellte sich mit beiden Füßen auf den Mantel. Der hörte auf, Feuer zu sein und verwandelte sich in Silbernebel. Angus rannte durch den Nebel und lachte und ermunterte die anderen, ihm zu folgen. Die wurden von seinem Lachen angezogen und folgten ihm. Der treibende Nebel verdichtete sich um einen jeden von ihnen, und jeder sah den anderen wie ein Traumbild, – verwandelt und unwirklich. Sie lachten, als sie sich so sahen. Der Dagda griff mit beiden Händen in den Kessel der Fülle. “O Kessel”, rief er, “du gibst einem jeden die Gabe, deren er bedarf Gib mir nun ein Geschenk, das der Erde geziemt.”

Dann zog er seine beiden Hände heraus, gefüllt mit grünem Feuer, und er streute die Grüne aus, wie ein Sämann den Samen sät. Angus bückte sich und hob die Grüne der Erde auf Er schaufelte Täler aus und schichtete Hügel auf und spielte mit ihr, wie ein Kind mit Sand spielt. Und wenn die Grüne durch seine Finger glitt, wechselte sie ihre Farbe und strahlte wie Sternenstaub – blau und purpurn und gelb und weiß und rot.

Während nun der Dagda das smaragdfarbene Feuer säte und Angus damit spielte, gewahrte Mananaun, dass das verbannte chaotische Leben sich aufgerichtet hatte und über den Rand von Brigits Mantel schaute. Er sah durch die Finsternis die höhnenden, starrenden Augen nie gesehener Kreatur. Und er zog sein Lichtschwert aus der Scheide und senkte seine glühende Schneide gegen das Chaos. Das grässliche Leben flüchtete unter Zischen und Schäumen, aber das Meer erhob sich, um das Schwert zu grüßen, in einer großen, schäumenden, donnernden Woge. Mananaun schwang das Schwert ein zweites Mal. Und wieder erhob sich das Meer, in einer Woge, grün wie ein Chrysolith, am Rande gesprenkelt mit amethystfarbenem, purpurnem und blauweißem Schaum.

Ein drittes Mal schwang Mananaun das Schwert. Und das Meer erhob sich, es zu grüßen, in einer Woge, weiß wie Kristall, ungebrochen, von reiner Dauer erfüllt, still wie der Urbeginn.

Langsam fiel die Woge in das Meer zurück, und Brigit hob ihren Mantel auf wie einen Silbernebel. Da sahen die De Danaans alle Dinge klar. Sie sahen, dass sie sich auf einer Insel befanden, die bedeckt war mit grünem Gras und voll von Höhen und fremdartig ausgeschaufelten Tälern und sich windenden Wegen. Sie sahen auch, dass das Gras voll war von Blumen blau und purpurn und gelb und weiß und rot.
“Lasset uns hier bleiben”, sprachen sie zueinander, “und Dinge schaffen, voll von Schönheit, auf dass die Erde froh werde.”

Brigit nahm den Stein des Schicksals in ihre Hände. Er leuchtete rein wie ein Kristall.
“Ich will den Stein an diesem Ort versenken”, sagte sie, “damit ihr ein Reich habet. “Sie legte den Stein auf das grüne Gras, und er sank in die Erde. Musik stieg auf um ihn, als er niedersank. Und plötzlich waren alle die ausgehöhlten Täler und die sich windenden Wege mit Wasser gefüllt, mit Strömen, die sprangen und funkelten, mit Seen und tiefen Teichen, deren Erzittern nach und nach in Stille überging.

“Das ist das Lachen der Erde”, sagte Ogma, der Weise. Angus tauchte seine Finger in das Wasser.
“Ich möchte die blauen und silbernen Fische, die da schwimmen in Connla’s Quelle, hier schwimmen sehen”, sagte er, “und Bäume sollten wachsen in diesem Lande, wie jene Bäume mit blühenden Zweigen, die da wachsen im Lande des Silbernen Vlieses.”

“Das ist ein eitler Wunsch, Angus”, sagte Ogma, “die Fische in Connla’s Quelle sind zu leuchtend für diese Wasser. Und die Blüten, die wachsen an den Silberzweigen, würden hier welken. Wir müssen warten und die Geheimnisse der Erde erlernen und allmählich dunkle und fremde Bäume formen und Fische, die den Fischen von Connla’s Quelle nicht gleichen.”

“ja”, sagte Nuada, “wir wollen andere Bäume formen, und unter ihren Zweigen sollen Hunde gehen, die den Hunden von Failinis nicht gleichen, und Hirsche, die keine Geweihe aus Gold haben. Wir wollen uns selbst zu Schmieden und Bildnern dieser Welt machen und das fremde Leben drüben herausschlagen und in neue Gestalten zwingen. Wir wollen Inseln für uns machen im Norden dieser Welt und Inseln im Westen, und die drei Wogen des Mananaun sollen auch sie umspülen, denn wir wollen alle Dinge formen und umformen, bis nichts mehr zurückbleibt auf der ganzen Erde, was noch unschön ist.”

“Das ist ein gutes Werk!” riefen alle die De Danaans aus. “Wir wollen bleiben und es vollenden. Aber Brigit muss gehen nach Moy Mell und Tir-na-Moe und Tir-nan-Oge und Tir-fo-Tonn und zu all den anderen Welten, denn sie ist die Flamme der Freude in einer jeden von ihnen.” “ja, ich muss gehen”, sagte Brigit.
“O Brigit!” sagte Ogma. “Bevor du gehst, knüpfe einen Knoten der Erinnerung in den Saum deines Mantels, auf dass du dich immer an diesen Ort erinnerst. Und sage uns auch, wie wir diesen Ort benennen sollen.”
“Ihr sollt ihn die Weiße Insel nennen”, sagte Brigit, “und sein anderer Name soll sein Insel des Schicksals, und sein anderer Name soll sein Irland”

Dann knüpfte Ogma einen Knoten der Erinnerung in die Fransen von Brigits Mantel.