Der Tod ist die Mitte eines Langen Lebens – Warum wir wieder lernen müssen keltisch zu denken

Die Menschen denken, doch sie denken ohne nachzudenken. Heute leben wir in einer Zeit, in der der Mensch das spirituell-philosophische Denken scheinbar vollkommen verlernt hat. Prägte seit dem Mittelalter ein irrationaler unfrei machender Glaube das Denken der Menschen, so denkt der moderne Mensch im Informationszeitalter scheinbar gar nicht mehr, sondern gibt sich oft und gerne unsinnigen und verdummenden Onlinespielen hin. Die Frage nach dem Sinn und dem Sein des Lebens stellt sich der moderne Mensch scheinbar gar nicht mehr.

Doch durch das Nichtdenken beraubt sich der Mensch seiner ursprünglichen Kraft und Stärke. Ein irisches Sprichwort sagt: ‟Nimm dir Zeit zum Nachdenken. Das ist die Quelle der Kraft.‟ Interessanterweise sagt auch eine isländische Weisheit fast das Selbe: ‟Nimm dir Zeit, um nachzudenken, es ist die Quelle der Kraft.‟

Doch das Desinteresse und die Ignoranz gegenüber Kultur, Geschichte und Spiritualität wächst zunehmend. Die Folge davon ist, dass sich der Mensch immer mehr von seiner Kultur, Geschichte und Tradition und somit von sich selbst entfernt. Nicolaus Fest: ‟Wer sich mit Lehrern unterhält, der weiß: Noch dramatischer ist die Ignoranz in Sachen Geschichte, Musik, Wirtschaft, Soziologie oder Literatur. Also in solchen Fächern, die den Menschen und seine Sicht auf die Welt viel mehr prägen als Rechnen, Schreiben, Lesen.‟ – Nicolaus Fest, war bis zum Oktober 2014 stellvertretender Chefredakteur der BILD am SONNTAG.

Die letzten 1200 Jahre wurde unser Denken und damit unser Handeln von der christlichen Weltanschauung geprägt. Speziell knechtete und fesselte das Dogma der Erbsünde den menschlichen Geist. Denn die Befreiung des Geistes kann man laut der christlichen Lehre nicht durch das eigene Handeln, sondern nur durch Jesus Christus erlangen. So stellte das Konzil von Trient (17. April 1546) im Decretum de Peccato Originali fest, dass alle Menschen in Nachfolge des Adam, mit Ausnahme von der Muttergottes als ‘neuer Eva’ (Immaculata), von der Erbsünde betroffen sind. Die Erbsünde (lat. “peccatum originale”) ist die von Generation zu Generation weitergegebene Sündenfolge der “Ursünde” der Stammeltern Adam und Eva, durch die sie für sich und alle ihre Nachkommen die Freundschaft mit Gott verloren haben. Mit Hilfe Jesu Christi kann jedoch die Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt werden. Denn der Mensch allein besitzt nicht die Kraft dafür.

Speziell seit der Zeit, wo das uns aufgezwungene, Christentum immer mehr an Einfluss verliert, haben wir jedoch die Möglichkeit bekommen uns auf die Suche nach einer neuen spirituellen Identität zu machen, ohne auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Kurz gesagt, mit dem schwindenden Einfluss des Christentums hat der Mensch nun die Möglichkeit erhalten, sich auf eine neue Sinn- und Seinssuche zu begeben.

Nach der christlichen Lehre zufolge wird wie wir gesehen haben jeder Mensch als Sünder geboren und findet seine Erlösung nur durch Jesus Christus. Dem keltischen Denken waren aber solche christlichen Vorstellungen wie zum Beispiel der Teufel, die Hölle oder die Erbsünde vollkommen unbekannt. Bei den Kelten war das Wichtigste das eigene Handeln. Doch dies setzte natürlich auch ein eigenes Denken voraus. Aus diesem Grund sollten wir wieder lernen keltisch zu denken. Doch ein modernes keltisches Weltbild setzt voraus, auch nicht mehr an etwas zu glauben oder unnötige Online-Spiele zu spielen, bei denen das Denken grundsätzlich ausgeschaltet wird, sondern mit Wissen selber zu denken. Eine isländische Weisheit sagt: ‟Die Unwissenheit ist ein Meer, das Wissen ein Floß darauf.‟

Diese Erkenntnis, dass Wissen wertvoller ist als an etwas irrationales zu glauben, ist essenziell von großer Wichtigkeit und Bedeutung, denn das woran wir glauben und denken, formt unsere Geisteshaltung. Unsere Geisteshaltung formt und prägt wiederum unser Weltbild, unsere Weltsicht bzw. unsere Sicht auf die Welt. Unsere Weltsicht formt und beeinflusst jedoch wieder unsere Handlungen. Und unsere Handlungen gestalten wiederum unser Leben und unsere Zukunft. Damit steht fest; Denken und Handeln stehen im direkten Zusammenhang miteinander. Es ist also so gesehen entscheidend, wie wir über das Leben denken und die Welt sehen. Darüber hinaus beeinflusst unser Weltbild bzw. unsere Weltsicht aber auch unsere Wahrnehmung. Vergleichbar damit, dass wenn man hungrig ist, man nur Essen im Kopf hat oder wenn man durstig ist, nur trinken im Sinn hat. Man kann es auch so ausdrücken, dass man genau das erfährt und sieht, auf das man sich durch das Denken geistig ausgerichtet hat.

Doch unsere Weltsicht wird nicht nur von unseren Grundbedürfnissen gelenkt und geprägt, sondern auch von unserem Glauben und speziell von unseren Ängsten. Deutlich erkennbar daran, dass wir mit unseren Denken auch unser geistiges Gefängnis selbst erschaffen. Ein gutes Beispiel dafür ist eine (irrationale) Angst. Glaubt man zum Beispiel an die große Apokalypse (im Sinne von Weltuntergang) wird man immer und überall Ereignisse finden, welche die angedachte sich nahende Apokalypse scheinbar ankündigen und bestätigen.

Das keltische Denken fordert zum aktiven individuellen Handeln auf. Besser gesagt, fordert das keltische Denken zur Bewusstmachung des eigenen Denkens und damit des eigenen Handelns auf. Eine alte keltische Weisheit besagt: ‟Drei Dinge gibt es, die der Mensch stehts rühmen und beherzigen sollte; Alles Reine und Gute, in Sitte und Eigenart. Alles, was liebenswert ist, in Natur und Form. Und schließlich jedes Mittel der Klugheit, aus dem mehr Vorteil als Nachteil erwächst.‟

Konfuzius sagte dazu: ‟Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: Erstens durch nachdenken, das ist der Edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der Leichteste. Und drittens durch Erfahrung, das ist der Bitterste.‟

Die mündliche druidische Überlieferung besagt: ‟Das Beste für mich und das Beste für alle Anderen, auf allen Ebenen und in allen Welten. Das göttliche am Handeln ist, zu spüren wenn etwas gut für mich und gut für alle anderen ist.‟

Die deutsche Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785 – 1859) drückte es folgendermaßen aus: ‟Wer wagt selbst zu denken, der wird auch selber handeln.‟

Im Gegensatz zur christlichen Lehre oder Weltsicht sahen die Kelten das Leben mit ganz anderen Augen. So wandte sich zum Beispiel Lucanus in seinem Gedicht Pharsalia folgendermaßen an die Druiden: “Eurer Lehre zufolge gehen die Schatten nicht zu den schweigsamen Sitzen des Erebus und nicht in das bleiche Reich des Dis pater in der Tiefe, sondern der gleiche Geist gebietet den Gliedern in einer anderen Welt (regit idem spiritus artus orbe alio). Wenn das, was ihr singt, richtig ist, so ist der Tod die Mitte eines langen Lebens.”

Setzt man nun, dieser geistigen Position zufolge, das irdische Leben zu seiner Vorvergangenheit in einer anderen, nicht sichtbaren, doch ebenso wirklichen Welt in Beziehung, in der die Schöpfung kontinuierlich weitergeht, ist dieses Leben wahrlich nur eine kurze Durchgangsphase. Diese Auffassung entspricht der Vision einer Existenz ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: einer unteilbaren Ganzheit. Wenn man nun diesen Gedanken konsequent zu Ende denkt, gelangt man zu der Überzeugung, dass diese geistige Position der Druiden, die uns von Lucanus überliefert ist, jeglichen Götterglauben und jegliche Religion relativiert, ja sogar ausschließt. Darüber hinaus schließt dieses Denken jedoch auch jegliche Erbsünde und Schuld aus. Das betrifft auch das Handeln, denn im keltischen Denken gibt es kein gutes oder schlechtes Handeln, denn jegliche Handlung gehört zum evolutionären und individuellen Entwicklungsprozess der geistigen Evolution des einzelnen Menschen.

Wir haben es hier also im Gegensatz zum christlichen Weltbild mit etwas vollkommen anderem zu tun, denn diese Geisteshaltung ist befreiend und nicht einengend und dogmatisch. Doch die keltische Lehre von der Seelenwanderung darf bzw. kann man auch nicht mit der buddhistischen Lehre der Inkarnation gleichsetzen, da es sich dabei um zwei grundlegend verschiedene Auffassungen handelt. Ein Beispiel möge dies verdeutlichen. In der keltischen Vorstellung gibt keinen einzigen Hinweis auf Reinkarnation und Seelenwanderung, die auch nur entfernt an die hinduistischen oder buddhistischen Lehren erinnert. Denn während im indischen und buddhistischen Kulturkreis das identische ICH nicht durchgängig als Träger des Fortlebens betrachtet wird, ist das eigene identische ICH in der alteuropäischen bzw. keltischen Tradition jedoch geradezu die grundlegende Voraussetzung.

Sehr deutlich wird das, wenn man sich die Grundlage des Zen-Buddhismus ansieht. Doch dies gilt auch generell für den Buddhismus, denn in seinen Bestrebungen unterscheidet sich der Zen nicht von all den anderen Richtungen des Buddhismus. Die Grundlage des Zen-Buddhismus ist die Leerheit (Shunyata) und das Realisieren von Nicht-Selbst (Anatta). Diese beiden Begriffe sind jedoch unserem westlichen Denken vollkommen fremd und dementsprechend auch nicht vorhanden. Im Zen-Buddhismus heißt es, dass wir erst dann, wenn wir erkannt haben, dass alle Dinge leer sind und unser ICH nur eine Illusion ist, und diese Erfahrung auch in unser Leben eingebracht haben, wir das innerste Wesen von Zen realisiert haben.

Anatta (Pali) oder Anatman (Sanskrit) bedeutet “Nicht-Selbst“, “Nicht-Ich“ oder auch “Unpersönlichkeit“, und ist ein Schlüsselbegriff der buddhistischen Lehre(n). Damit ist grob gemeint, dass keine Existenz ein festes Selbst hat. Die buddhistische Lehre von Anatta (Pali) bezeichnet also das Nichtvorhandensein eines permanenten und unveränderlichen Selbsts, eines festen Wesenskerns oder einer Seele (Atta bedeutet “das Angenommene“). Was normalerweise als “Selbst“ betrachtet wird, ist nach buddhistischer Auffassung eine Ansammlung von sich konstant verändernden, physischen und psychischen Bestandteilen (“Skandhas“). Durch das Anhaften an die Vorstellung, dass der jeweils erlebte, temporäre Zustand eine Art von unveränderlicher und dauerhafter Seele bildet, entsteht Leiden.

Auch Shunyata ist ein zentraler buddhistischer Begriff und bedeutet, dass alles leer und frei von Dauerhaftigkeit ist. Der Begriff der Shunyata leitet sich unmittelbar aus der buddhistischen Lehre vom “Nicht-Selbst“ ab. Er verweist auf die Substanzlosigkeit aller Phänomene infolge ihrer Abhängigkeit von bedingenden Faktoren: Ihrem bedingten Entstehen (Sanskrit: pratityasamutpada, Pali: paticca samuppada). “Leerheit“ ist somit eine Umschreibung für das Fehlen eines konstanten Seins, einer Eigennatur und eines beständigen ICH im steten Wandel der Existenz.

Wie hier deutlich erkennbar ist, ist die buddhistische Geisteshaltung, das komplette Gegenteil von der alteuropäischen Überlieferung, Tradition und Vorstellung über das Wesen der Seele und des eigenen ICHs. Zudem steht die erste der vier edlen buddhistischen Wahrheiten auch im krassen Gegensatz und Widerspruch zu der altkeltischen Vorstellung in Bezug auf das Leben an sich. Denn für die Buddhisten ist das Leben Dukkha (leidhaft, unbefriedigend). So eine Geisteshaltung war den lebensfrohen und lebensbejahenden Kelten jedoch vollkommen fremd. Dies geht eindeutig aus den keltischen Mythen, Erzählungen und Geschichten hervor.

Das keltische Weltbild steht also komplett konträr zum Hinduismus oder Buddhismus, wo man unter anderem auch oft und gerne, mehr oder weniger radikal oder gemäßigt, leidenschaftlich bzw. leiden-schaffend der Askese nachgeht. Der Begriff des Asketen war den frühen Buddhisten natürlich bekannt. Sie sprachen verharmlosend von sama”a (“jemand der sich anstrengt“). Zu den Vorschriften gehörten Besitzlosigkeit, einfachste Kleidung, völlige sexuelle Enthaltsamkeit, Verzicht auf berauschende Getränke und die Verpflichtung, alles zu essen, was in die Bettelschale gelegt wird. Ein Motiv für diese Geisteshaltung, das belegt die Asketenforschung eindeutig, war und ist eine fundamental kritische Einstellung zur Welt. In den angesprochenen ausgearbeiteten religiösen und philosophischen Lehrsystemen bildet den Hintergrund der Askeseforderung meist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Weltablehnung; die sinnlich wahrnehmbare Welt wird zwar nicht in allen asketisch orientierten Systemen als absolut schlecht eingestuft, doch gilt sie gewöhnlich als bedrohlich, fragwürdig und von Natur aus als sehr mangelhaft.

Manche neuzeitliche, speziell westliche, Buddhisten mögen dies vielleicht etwas anders sehen, doch das ist reiner Selbstbetrug und ein ideologischer Trugschluss bzw. Denkfehler, sowie eine Verklärung der philosophischen Grundlagen, welche diesen religiösen Systemen zugrunde liegen. Analog dem christlichen Glauben, bei dem man mit dem christlichen Gott automatisch auch den Teufel in der Einkaufstasche hat – ob man dies nun will oder nicht.

Bei den Kelten gab es im Gegensatz zum Hinduismus und Buddhismus naturgemäß keine Weltablehnung, Selbstablehnung, Körperverstümmlungen oder Askese, denn die Kelten liebten die materielle Welt, ihren Körper, das Leben aber auch den Tod. Ja sogar das Leben nach dem Tode sollte für die Hinübergegangenen schön sein, denn sie gaben ihren Toten auf ihrem Weg ins Jenseits sogar viele Gaben mit, wie z.B. Speisen und Getränke (u.a. Met und Bier), damit diese dann in der Anderen Welt das Leben weiter feiern konnten.

Doch mehr noch, von Valerius Maximus erfahren wir sogar vom Schuldenmachen über den Tod hinaus. Doch auch das setzt ein Fortleben des eigenen ICH`s nach dem Tode grundlegend voraus. In “Factorum et Dictorum Memorabilium Libri Novem“ (2,6,10) werden wir von Valerius Maximus über folgendes in Kenntnis gesetzt: “Außerhalb ihrer Mauern [der Stadt Massalia] begegnet jener alte Brauch der Gallier, die nach der Überlieferung Geld verleihen, das ihnen im Jenseits zurückgezahlt wird, halten sie doch die Seelen der Menschen für unsterblich. Schön dumm würde ich sie nennen, wenn nicht jene, die Hosen tragen, dasselbe glaubten wie der mit griechischem Mantel bekleidete Pythagoras.“