Das Rätoromanische St. Margrita-Lied

Bei diesem Lied scheint es einen seltsamen Zusammenhang zwischen der ältesten und alten Geschichte mit der Gegenwart zu geben. Das Margaretha-Lied wurde noch vor 150 Jahren von den Bäuerinnen Rätiens bei der Feldarbeit gesungen. Neben den Tavetscher Zaubersprüchen gehört dieses Canzun de sontga Margriata, dessen Entstehung in das frühe Mittelalter datiert wird (vgl. Tod des heilgen Gallus 640 und vor der Tätigkeit Pirmins etwa um 720 u.Z.) zu den ältesten rätoromanischen Sprachdenkmälern.

Das Original des Liedes ist in rätoromanischer Sprache, hier die deutsche Übersetzung (Caminada, Die verzauberten Täler).

La canzun de Sontgia Margaritha – Das Rätoromanische St. Margrita-Lied

Übersetzung 1: Nach dem rätoromanischen Lied

Die heilige Margreth war sieben Sommer auf der Alp,
Weniger fünfzehn Tage.
Sie ging einmal den Staffel herab.
Und fiel auf eine böse Platte von Stein,
Das sich entdeckte des Busens Schein.
Der Hirtenbube hat es gemerkt:
“Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselig Maid wir besitzen”

“Und wenn der Senne es nicht muss wissen,
So will ich drei schöne Hemden dir geben,
Die weißer werden, je mehr du sie bestäubst.”

“Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.”

“Und wenn der Senne es nicht wissen muß,
So will ich drei schöne Schafe dir geben,
Die du scheren kannst dreimal des Jahres,
Und jede Schur gibt vierundzwanzig Krinnen Wolle”
“Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,

Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.”

“Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
Dann will ich drei schöne Braunkühe dir geben,
Die du melken kannst dreimal des Tages,
Und jedesmal den Eimer voll Milch.”

“Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.”

“Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
Dann will ich einen schönen Anger dir geben,
Wo du mähen kannst dreimal des Jahres,
Und einen großen Heustock jedesmal.”

“Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.”

“Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
So will ich eine schöne Mühle dir geben,
Die tags Roggen mahlt und nachts Weizen,
Ohne einmal aufzuschütten.”

“Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.”

“Und wenn der Senne es wissen muss,
Dann sinke in den Grund bis zum Halse!”

“O gute heilige Margrethe,
O hilf mir doch empor!
Das soll unser Senne nicht wissen”

Sie half ihm empor, er aber hob an:
“Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Jungfrau wir besitzen.”
“Und wenn der Senne es wissen muß,
Dann sollst du drei Klafter versinken”

Dann scheidet die heilige Margreth schnell
Und bietet ringsum Lebewohl.
“Leb wohl, du mein guter Senne!
Lebe wohl, du mein Alpkessel,
Lebe wohl, du mein Butterfaß,
Lebe wohl, du mein kleiner Herd,
Allwo ich die Schlafstatt hatte,
– Warum tatest du das, guter Hirtenknabe?
– Lebt wohl, meine guten Kühe.
Euch wird die Milch vertrocknen,
Ach, lebe wohl, lebe wohl ringsumher!
Weiß Gott, wann ich einmal wiederkehr!”

Dann ging sie über den Kunkels hinaus,
Der Milchkessel nach, und nach die Kühe,
So weit sie noch die Scheidende schauten,
Haben sie zu weinen nicht nachgelassen.
Dann kam sie vorbei an einem Bronn
Und sang: “O Bronn, o kleiner Bronn,
Wenn ich von dannen gehe,
So wirst du gewiß vertrocknen!”
Und vertrocknet ist der Bronn.
Dann ging sie über eine Halde hinaus
Und sang: “O Halde, o traute Halde,
Wenn ich von dannen gehe,
So wirst du gewiss verdorren”
Und verdorrt ist die Halde.
“Ach gute Kräuter,
Wenn ich von dannen gehe,
Verdorrt ihr und grünt wohl nimmermehr”
Und verdorrt sind die Kräuter und grünen…
nimmermehr.
Unter der Glocke Sankt Jörgs und Sankt Galls
Ist die Maid vorübergezogen.
Da hat es geläutet so lauten Schalls,
Dass der Klöppel herausgeflogen.

La canzun de Sontgia Margaritha – Das Rätoromanische St. Margrita-Lied

Übersetzung 2: Nach Ötztaler Mundart

Erzähler,
sieben sommer sind es jetzt
wohl wohl ja solange
nur fünfzehn tage weniger
droben auf der alm
eine schöne frau
eine ganz eine schöne
ist über den felsen
gerutscht
und hat es der hirtenknabe
gesehen
wie sie das weiße fleisch
hergezeigt hat
und er hat es gesehen
ist ganz rot geworden

Hirte
springt springt
das muss der senner wissen
muss er doch wissen
was für eine schöne frau
wir in der alm hier haben
wohl wohl eine schöne

Margrita
und der senner darf es nicht wissen
ich gebe
das ist ganz gewiss wahr
drei hemden
die allerschönsten
immer weißer und weißer

Hirte
das mag ich nicht das will ich nicht
das muss der senner wissen
muss er doch wissen
was für eine schöne frau
wir in der alm haben
wohl wohl so eine schöne

Margrita
und der senner
darf es nicht wissen
ich gebe
das ist ganz gewiss wahr
drei schöne schafe
dreimal im jahr zu scheren
jedes Mal 24 knäuel wolle

Hirte
das mag ich nicht das will ich nicht
das muss der senner wissen
muss er doch wissen
was für eine schöne frau
wir in der alm haben
wohl wohl so eine schöne

Margrita
und der senner
darf es nicht wissen
ich gebe
drei saubere kühe her
dreimal am tag zu melken
jedes volle kübel

Hirte
das mag ich nicht das will ich nicht
das muss der senner wissen
muss er doch wissen
was für eine schöne frau
wir in der alm haben
wohl wohl so eine schöne

Margrita
und der senner
darf es nicht wissen
ich gebe
ein schönes feld hinter dem hause
dreimal im jahr zu mähen
und jedes Mal hausstadel voll

Hirte
das mag ich nicht das will ich nicht
das muss der senner wissen
muss er doch wissen
was für eine schöne frau
wir in der alm haben
wohl wohl so eine schöne

Margrita
und der senner
darf es nicht wissen
ganz gewiss nicht
ich gebe eine schöne mühle her
am tag roggen in der nacht weizen
immer mahlen und mahlen
drei jahre und drei monate

Hirte
das mag ich nicht das will ich nicht
das muss er endlich wissen
was für eine schöne frau
bei uns auf der alm ist
eine wunderschöne frau
bei uns auf der alm ist
ganz eine schöne
ganz gewiss

Margrita
wenn es der senner wissen muss
unbedingt wissen muss
dann versinke im boden
versink bis zum hals

Hirte
o du gute du schöne du heilige
hilf mir doch herauf

Erzähler
und sie hat es getan
hat geholfen und gezogen
und dann hat er geschriehen:

Hirte
jetzt muss er es doch wissen
der senner dieser mann
was für eine jungfrau
bei uns ist auf der alm

Margrita
und wenn er es wissen will
dann soll er versinken
klaftertief hinab in den boden

Erzähler,
und sie geht
sie verschwindet
schaut sich um
ringsum
dass es dröhnt
von den von den wäldern und felsen:

Margrita
lebet wohl bub und senner
lebet wohl du mein alp-kessel
lebet wohl du mein butterfass
lebet wohl du mein warmer herd
wo ich alle nächte geschlafen habe
warum mein bub hast du das getan
lebet wohl behüte euch alle miteinander
weiß niemand wann ich wiederkomme

Erzähler
dann ist sie hinaus beim tal
über das kleine feld hinaus
hinterdrein die kühe und der kessel
die holzkübl und das sieb
sie schauen und weinen
wohl wohl jetzt ist sie dahin
und sie weinen und weinen
sie geht hinaus und singt

Margrita
du mein brünnlein mein wässerchen
wenn ich gehe wenn ich weg bin
dann sollst du vertrocknen

Erzähler
und vertrocknet ist alles
das bächlein das brünnlein
und sie geht hinaus beim berghang
(lawinenhang) und singt

Margrita
da hinauf ihr gräser
sollt verdorren
wenn ich weggehe verdorren
auf ewige zeiten

Erzähler
und so ist es gewesen
ist alles verdorrt
für ewige zeiten
und zuletzt noch bei den kräuterlein
niedergebückt und gehorchen:
dann hat sie gesungen:

Margrita
wohl wohl meine kreutlein
wenn ich davongehe
müsst ihr alle verdorren
könnt nie mehr wachsen

Erzähler
und so ist es geschehen
ist alles verreckt
das leben in der alm
rundherum in allen bergen
und draußen hat es gedonnert
geblitzt und gehagelt
und alles war verschwunden unter lawinen und muren
und alles vergraben
wohl wohl das ist wahr
wohl wohl das ist wahr…